In Palermo gibt es einen Ort, der mich vor allem wegen seiner besonderen Aufgabe fasziniert hat: das Oratorio dei Bianchi.
Heute ist es ein Museum, doch im 16. und 17. Jahrhundert war es der Sitz der Compagnia del Santissimo Crocifisso – einer Bruderschaft von Männern in weißen Gewändern mit großen Kapuzen. Ihre Aufgabe war es, zum Tode Verurteilte während der letzten drei Tage ihres Lebens zu begleiten. Sie sprachen mit den Verurteilten, halfen ihnen, sich mit ihrem Schicksal und ihren Angehörigen zu versöhnen, begleiteten sie während dieser letzten Tage bis zur Hinrichtung und kümmerten sich anschließend auch um ihre Bestattung.
Im Oratorium gibt es eine eigene Tür, durch die die Verurteilten gemeinsam mit den Brüdern zur Hinrichtung geführt wurden. Die Einheimischen nennen sie die Pforte der Barmherzigkeit. Die Brüder waren weder Richter noch Henker – ihre Aufgabe bestand darin, den Verurteilten Beistand und Mitgefühl zu schenken.
Im Oratorium befindet sich noch eine weitere interessante Tür, die allerdings nichts mit der Bruderschaft zu tun hat. Sie wurde erst später hierher gebracht. Es handelt sich um Bab el Fotik, auch Porta della Vittoria genannt – ein Tor aus dem 11. Jahrhundert, durch das die Normannen der Überlieferung nach nach der Eroberung der Stadt in das arabische Palermo einzogen. Es ist erstaunlich, wie gut dieses Tor erhalten geblieben ist, und zugleich beeindruckt sein hohes Alter.
Wenn du am ersten Sonntag des Monats in Palermo bist, kannst du das Oratorio dei Bianchi oft bis 13:00 Uhr kostenlos besuchen.
