Interior of the Oratory of San Lorenzo in Palermo with stucco sculptures by Giacomo Serpotta

Das Oratorium San Lorenzo

Heute habe ich es endlich ins Oratorium San Lorenzo geschafft. Mein Hauptziel war es, endlich die Kopie des in Palermo gestohlenen Caravaggio zu sehen. Doch stattdessen hat mich das Oratorium selbst begeistert. Es liegt so versteckt zwischen den engen Gassen der Stadt, dass ich, obwohl ich Palermo inzwischen ziemlich gut kenne, eine ganze Weile gebraucht habe, um es zu finden. Gerade deshalb hatte ich aber das Glück, den Ort ganz für mich allein zu haben.

Der Caravaggio selbst hat meine Aufmerksamkeit eher der Form halber auf sich gezogen. Eine Kopie bleibt eben eine Kopie – und bei Caravaggio fällt das besonders auf. Dafür blieb ich etwa zwanzig Minuten in dem kleinen Saal des Oratoriums stehen und bewunderte eine Kunst, die ich völlig zu Unrecht übersehen hatte.

Das Erste, was ins Auge fällt, ist die Arbeit des Bildhauers. An den Wänden sind Szenen aus dem Leben der Heiligen dargestellt, und manche dieser Szenen bestehen aus kleinen, fast eigenständigen Figuren innerhalb der gesamten Komposition. Für einen so kleinen Raum ist das wirklich beeindruckend.

Das Zweite, was mich vollkommen begeistert hat, waren die Bänke. Holz mit Einlegearbeiten aus Elfenbein und Perlmutt, dazu kunstvoll geschnitzte Beine, von denen jedes eine eigene Szene zeigt – eine großartige Arbeit aus dem 17. Jahrhundert, die in erstaunlich gutem Zustand erhalten geblieben ist.

Das Dritte, was mir auffiel, war eine Reihe großer Skulpturen mit winzigen Inschriften. Mein Blick blieb an dem Wort Hospitalitas — Gastfreundschaft — hängen. Insgesamt gibt es zehn Figuren, die jeweils eine der christlichen Tugenden darstellen: Hospitalitas — Gastfreundschaft; Penitenza — Buße; Costanza — Beständigkeit; Umiltà — Demut; Fede — Glaube; Carità — Nächstenliebe und Barmherzigkeit; Misericordia — Mitgefühl; Elemosina — Almosengeben; Verità — Wahrheit; und Gloria — Ruhm.

Man sagt, dass es zu den Aufgaben der Bruderschaft gehörte, armen Menschen eine Bestattung zu ermöglichen. Starb ein armer Mensch, übernahm die Bruderschaft die Aufgabe, ihn nach christlicher Tradition auf seinem letzten Weg zu begleiten und für eine würdige Beisetzung zu sorgen. Diese Aufgabe war ein Akt der Barmherzigkeit gegenüber Menschen, die nach ihrem Tod niemanden mehr hatten, der sich um sie kümmerte.

Carità — Nächstenliebe und Barmherzigkeit — und Hospitalitas — Gastfreundschaft — sind die beiden zentralen Figuren des Oratoriums.