Für mich liegt die Piazza Politeama an der Grenze zwischen zwei Welten Palermos. Hinter dir befindet sich die lebhafte Stadt, an die sich die meisten Besucher erinnern, während vor dir das elegante, ruhige und wohlhabende Viertel Libertà beginnt. Andere Menschen, andere Cafés, andere Geschäfte – eine andere Art zu leben. Das Viertel entstand während der Belle Époque Palermos und wurde damals sogar als die Champs-Élysées der Stadt bezeichnet.
Der Platz bewahrt eine Erinnerung an die Armut, die Ende des 19. Jahrhunderts in Palermo herrschte – die Skulptur Die Obdachlosen. Um sie zu finden, überquere die Piazza vom Teatro Politeama aus, bis du eine Bronzeskulptur mit zwei Jungen entdeckst. Ursprünglich wurde sie von einem palermitanischen Bildhauer als eigenständiges Werk geschaffen. Nachdem sie jedoch fast zehn Jahre lang auf verschiedenen Ausstellungen gezeigt worden war, fand sie schließlich hier ihren Platz – an der Grenze zwischen zwei Welten.
Und jetzt die Legende.
An einem kalten Wintertag zogen zwei obdachlose Jungen durch die Straßen Palermos. Es gelang ihnen, etwas Geld zu sammeln, doch es reichte nur für zwei abgetragene Jacken oder für ein sehr bescheidenes Abendessen. Sie hatten Hunger, aber sie froren auch. Sie konnten sich nicht entscheiden, was wichtiger war – Wärme oder ein voller Magen. Schließlich teilten sie das Geld: Der eine kaufte Essen, der andere eine Jacke.
Der Junge, der sich für das Abendessen entschied, erfror noch in derselben Nacht. Der andere blieb warm und überlebte – und bekam damit eine weitere Chance, etwas zu essen zu finden.
Ich konnte keine Hinweise darauf finden, welche Botschaft der Bildhauer mit diesem Werk vermitteln wollte. Doch Geschichten wie diese gehörten damals zum Alltag der Stadt, und vielleicht soll die Skulptur einfach daran erinnern. Mir gefällt, dass Die Obdachlosen schließlich ihren Platz auf einem Platz gefunden haben, der an der Grenze zwischen zwei Welten Palermos liegt.
