Chiesa di Sant’Agata alla Guilla
Im Viertel Capo, nicht weit von der Kathedrale, habe ich eine verlassene Kirche entdeckt. Ihre Geschichte an diesem Ort beginnt im 12. Jahrhundert, aber ich möchte dir von ein paar späteren Ereignissen erzählen, die mich besonders interessiert haben.
Eine der bekanntesten Legenden dieser Kirche ist die Geschichte vom Spielerstein, der Pietra del Giocatore. Im 15. Jahrhundert gab es in der Nähe der Kirche eine Taverne, in der sich die Leute aus dem Viertel trafen, um Boccia zu spielen, ein Kugelspiel, das ein bisschen an Pétanque erinnert. Unter den Spielern war ein Lastenträger namens Mommo bekannt, der gern um Geld spielte und für seinen schlechten Charakter berüchtigt war.
An diesem Tag hatte Mommo überhaupt kein Glück. Er verlor immer wieder und wurde immer wütender. Nachdem er alles verloren hatte, schnappte er sich ein Messer und rannte in die Chiesa di Sant’Agata alla Guilla. Vor den Augen der anderen stach er mit dem Messer auf ein Bild der Madonna ein und verletzte dabei sie und das Jesuskind.
In diesem Moment geschah ein Wunder: Das Gesicht der Madonna wurde blass und aus den Wunden begann Blut zu fließen. Mommo bekam natürlich Angst und wollte weglaufen, doch plötzlich merkte er, dass er wie gelähmt war und sich nicht mehr bewegen konnte.
Die Menschen, die in der Kirche waren, zerrten ihn nach draußen. Für eine solche Gotteslästerung drohte damals die Todesstrafe, und sie beschlossen, ihn sofort zu hängen, ohne auf einen Prozess zu warten. Doch in der Umgebung fanden sie keinen einzigen passenden Baum.
Dann geschah das zweite Wunder: Aus der Wand des Gebäudes gegenüber der Kapelle ragte plötzlich ein Stein heraus, genau weit genug, um den Sünder Mommo daran aufzuhängen.
Am Tag nach der Hinrichtung versuchte der Hausbesitzer, den Stein abzuschlagen, doch der Stein „wuchs“ an derselben Stelle wieder nach. Man sagte, als Warnung für die anderen. Über Jahrhunderte hinweg bestätigten viele Historiker die Existenz dieses Steins, bis das Gebäude 1943 bei den Bombenangriffen zerstört wurde.
Die zweite Geschichte ist dagegen überhaupt keine Legende. Ende des 17. Jahrhunderts gründeten zwei Priester bei der Kirche den Ritiro delle Maddalene Pentite, einen Zufluchtsort für „reuige Magdalenen“. Dort wurden Prostituierte aufgenommen, die beschlossen hatten, ihr Leben zu ändern. Also ganz einfach: von Prostituierten zu Nonnen.
Am Anfang waren es nur ein paar Häuser bei der Kirche, aber der Rückzugsort wuchs schnell, dank Spenden adeliger Frauen und sogar der Ehefrau des Vizekönigs von Sizilien. Etwa fünfzig Jahre später änderte sich das Kloster, das ursprünglich für „gefallene Frauen“ gegründet worden war, allerdings komplett und nahm nur noch Jungfrauen auf. Das empörte sogar Rom, aber leider änderte das nichts an der Entscheidung des Klosters.
Die letzte Geschichte ist die kürzeste und stammt schon aus dem 21. Jahrhundert. Vor etwas mehr als zehn Jahren wurde in dem verlassenen Klostergebäude eine komplett ausgestattete Marihuana-Plantage entdeckt. Die Besitzer wurden natürlich nie gefunden.